Kolumne über das Laden

E-Laber-Station

Selig sind alle, die eine private Ladestation besitzen. Für alle anderen E-Auto-Fahrenden heisst es: öffentlicher Strom. Ein Zustand, der selten Freude macht.

Veröffentlicht am 15.02.2026

Auf der Suche nach Elektronen benimmt man sich manchmal wie ein Süchtiger auf Entzug. Nervös kurvt man durch Vororte, steuert dunkle Hinterhöfe an, wo gemäss Navi eine Ladesäule stehen soll – nur um dann festzustellen, dass sie hinter einem verschlossenen Gitter lauert, bewacht von gefühlt tollwütigen Kettenhunden.

Was tun? Einbrechen? Mit zwei Prozent Restakku in einem fremden Dorf wird man schnell verzweifelt. Für eine Stromladung würde man in dem Moment problemlos seine Seele verhökern. Alternativ droht das Liegenbleiben auf einer verlassenen Landstrasse – allein in der Nacht, schutzlos ausgeliefert, den Wölfen, Serienmördern oder beidem.

Dann doch lieber die Schnellladestation an der Autobahn. Vorausgesetzt, man hat die richtige App. Mit Kreditkarte zu bezahlen, ist eine ganz schlechte Idee. Falls es überhaupt möglich ist, wird erst ein absurd hoher Betrag blockiert – abgerechnet wird Tage später. Und zwar zu einem Strompreis, gegen den der Goldstandard fast günstig wirkt. Ökostrom? Egal. Hauptsache, man muss nicht zu Fuss nach Hause.

Zugegeben: Die Ladezeiten sind besser geworden. Von zwei auf 80 Prozent dauert es heute in vielen Fällen keine Stunden mehr. Mit den oft kommunizierten 20 Minuten hat das Ganze dennoch wenig zu tun – denn die stammen aus der Theorie und nicht aus der Realität. In Echtzeit dauert es länger.

Hat man nach einer Viertelstunde den überteuerten Raststättenkaffee geleert und für einen weiteren Franken die Toilette benutzt, ist der Akku meist immer noch zu leer, um weiterzufahren. Also steht man herum – wie ein Stricher an der Raststätte, direkt neben der Ladesäule. Und muss lüsternen Fernfahrern erklären, dass man nicht verfügbar ist.
Das Schlimmste aber: Man ist nicht allein. Und die anderen wollen reden.
«Soooo, auch am Laden?»
Und weil ich meistens mit den neuesten Stromern unterwegs bin, folgt zuverlässig Frage Nummer zwei: «Was ist das für ein Auto?»
Nach der Markennennung kommt sicher die dritte: «Und, kann der was?»

Meine Antwort: «Keine Ahnung. Ich fahre das Auto erst seit einer Stunde – aber der Strom ist schon alle. Was soll ich sagen? Kaufen Sie sich lieber einen Verbrenner. Das spart Zeit und Nerven. Ausser natürlich, Sie haben eine Ladestation zu Hause. Oder Sie verbringen Ihre Freizeit gerne an Autobahnladesäulen, freuen sich auf neue Bekanntschaften – oder auf Fernfahrer.»

Text: Jürg Zentner

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