

Dreizack zwischen Triumph und Tragödie
Mehr italienische Oper geht nicht: Maserati ist Drama, Leidenschaft und Tragik. Vor 100 Jahren trug der erste Maserati den berühmten Dreizack. Er verkörpert diesen ganz speziellen italienischen Wahnsinn, der Metall in Emotionen verwandelt.
Ouvertüre: Auftritt der Fratelli Maserati. Die Geschichte von Maserati ist auch die Geschichte von Brüdern. Sturen, genialen Brüdern – den Maseratis. 1914 wurde die S. A. Officine Alfieri Maserati gegründet. Drei der sechs Fratelli Maserati traten in den Autobetrieb des grossen Bruders ein. Einer der Maserati-Brüder, der Künstler Mario Maserati, suchte nach einem Symbol für die junge Automarke – und fand es direkt vor der Haustür.
Erster Akt: früher Ruhm

Der Dreizack stammt vom Neptunbrunnen in Bologna. Neptun, der Gott des Meeres, hält dort seinen Dreizack wie eine Waffe. Genau dieses Bild wurde 1926 auf den ersten Rennwagen der Marke übertragen: den Maserati Tipo 26. Der Dreizack brachte Glück. Alfieri Maserati trat damit bei der Targa Florio an – und gewann in seiner Klasse.

Es lief rund für die Fratelli Maserati in den späten 1920er-Jahren. Die Brüder feierten zahlreiche Motorsporterfolge. Und plötzlich war Maserati in aller Munde. Das gefiel nicht allen. Der grösste Gegner: Enzo Ferrari, der 1929 die Scuderia Ferrari gründete.
Zweiter Akt: die Tragödie
Nach Jahren des Höhenflugs folgte der erste Tiefschlag. 1932 starb Alfieri Maserati an den Folgen eines Rennunfalls. Der Mann, der alles ins Rollen brachte, war plötzlich weg. Doch die verbliebenen Brüder Maserati holten einen der wildesten Fahrer seiner Zeit ins Team: Tazio Nuvolari. 1933 gewann er auf Maserati den Grossen Preis von Belgien – einer der prestigeträchtigsten Siege jener Zeit. Leider verpassten es die Maseratis, ein Netzwerk aus Kunden, Fahrern und Geldgebern aufzubauen. So blieb Maserati ein kleines Rennteam, dem es nicht um Betriebsgewinne, sondern um Renngewinne ging.
Nach dem Tod von Alfieri Maserati fehlte die klare Führung. Die Brüder machten zwar weiter – aber es war nicht mehr dasselbe. 1937 mussten die Maserati-Brüder die Firma verkaufen. Es war kein romantischer Entscheid – eher ein notwendiger.
Dritter Akt: Umzug nach Modena
Mit der Übernahme durch die Industriellenfamilie Orsi wurde Maserati vom Garagenbetrieb zum Autohersteller. Maserati zog von Bologna nach Modena um, wo es bessere Infrastruktur und eine klare Organisation gab. Die Brüder Maserati blieben zunächst an Bord – aber nicht mehr am Steuer, sondern auf dem Beifahrersitz.

Auf der Rennstrecke lief es dank guter Finanzen wieder rund. Mit dem Maserati 8CTF gelang Historisches: Siege bei den 500 Meilen von Indianapolis 1939 und 1940 als erster – und jahrzehntelang einziger – europäischer Konstrukteur mit einem Doppelerfolg.
Vierter Akt: Krieg und Rückkehr
Noch während die Motoren heulten, brauten sich am Horizont dunkle Wolken zusammen. Im Zweiten Weltkrieg musste das Werk in Modena schliessen. Geld wurde knapp. Die Realität hatte auch die Schnellsten eingeholt. Der Vorhang fiel. Für immer?

Nachdem sich die Kriegsnebel langsam lichteten, erlebte Maserati Mitte der 1950er-Jahre ein spektakuläres Comeback. Der Maserati 250F wurde zur Legende. Elegant, schnell, beinahe perfekt. 1957 krönte Juan Manuel Fangio diese Ära mit seinem fünften und letzten Weltmeistertitel. Maserati war wieder ganz oben. Happy End? Natürlich nicht. Die finanzielle Realität schlug wieder zu. 1958 zog sich Maserati offiziell aus dem Rennsport zurück. Zu teuer. Zu riskant.

Intermezzo: Hydraulik und Herzschmerz
Maserati konzentrierte sich, wie Ferrari, darauf, das Racing-Know-how auf zivile Sportwagen zu übertragen. Statt Rennstrecke nun Strasse, Kundschaft statt Pokale. Modelle wie der Maserati 3500 GT entstanden – für wohlhabende Kundschaft, die italienische Eleganz und Rennsport-DNA suchte.

1968 folgte der nächste Einschnitt: Die Familie Orsi verkaufte Maserati an Citroën. Italienische Emotion traf französische Technik. Hydraulik statt Handarbeit. Technik statt Temperament. Modelle wie der Maserati Bora und der Maserati Merak waren futuristisch, schnell und irgendwie … anders. Nicht schlechter. Aber auch nicht mehr ganz das alte Maserati.

Nach der Ölkrise geriet Citroën selbst ins Wanken. 1975 stand plötzlich auch Maserati vor dem Aus. Und wieder mal war der Dreizack am Boden. Doch dann tauchte plötzlich ein Retter in der Not auf: Alejandro de Tomaso.
Auftritt: Alejandro de Tomaso

Die Biografie des Argentiniers hätte alle Zutaten für eine Netflix-Serie: Revolution, Romantik, Racing. Ein Wirtschaftskrimi voller Betrug, Geld, Macht sowie Aufstieg und Fall eines Autoimperiums. Als Alejandro de Tomaso 1976 Maserati übernahm, machte er aus der Marke etwas völlig Neues. Oder sagen wir: etwas völlig anderes.
Sportwagen für die Masse. Mit verrückten Ideen wie dem Biturbo, damals eine Sensation. Turbo, Leder, Prestige – aber zu Preisen, die plötzlich erreichbar waren. Das Problem war die Qualität. Der Biturbo hatte mehr Charakter als Zuverlässigkeit. Trotzdem liebten die Leute die Modelle. Vom Biturbo und seinen Derivaten entstanden über 40.000 Exemplare – für Maserati ein kommerzieller Erfolg. Aber die schlechte Qualität der Biturbo-Reihe schadete dem Ruf von Maserati über Jahrzehnte.
Finale furioso mit Ferrari

Als Fiat 1993 Maserati übernahm, konnte man auf weniger Chaos hoffen. Schliesslich kaufte Fiat Maserati, um die Marke wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Das gelang ihnen, indem sie ihre beiden Kronjuwelen zusammenführten. Mit Ferrari-Technologie und Fiat-Geld flammte die Leidenschaft wieder auf. Dazu kamen konsequente Qualität und Unternehmensdisziplin. Maserati kam endlich zur Ruhe. Und kehrte zum alten Status quo zurück.
Ende der 1990er-Jahre erschien der Maserati 3200 GT. Boomerang-Rücklichter, Biturbo-Power, Emotion pur. Endlich wieder ein echter Maserati. Dann der nächste Schritt: Maserati Quattroporte und Maserati GranTurismo. Beide Modelle wurden gefeiert – bis die ersten technischen Probleme auftauchten.
Und weil Maserati ohne Rennsport nur ein kleiner Ferrari ist, kam der Dreizack zurück auf die Rennstrecke. Mit einem Auto, das keine Kompromisse kennt: den Maserati MC12. Ein Faustschlag in Richtung Konkurrenz. Sechs FIA-GT-Titel zwischen 2005 und 2010.
Grande Finale: Luxus, Leistung und Legenden
Heute baut Maserati Autos wie den Maserati MC20 oder den neuen Maserati GranTurismo. Schnell. Schön. Technisch beeindruckend. Und wer mehr Alltag will, für den gibt es den Grecale und den Levante.

Was bleibt nach 100 Jahren? Keine gerade Linie. Keine perfekte Erfolgskurve. Sondern ein Auf und Ab wie ein EKG auf Espresso. Doch immer wieder gab es diesen einen Moment, in dem Maserati alles richtig machte. Der Dreizack steht nicht für Perfektion. Er steht für Kampf, Leidenschaft und die Fähigkeit, immer wieder zurückzukehren.
Text: Jürg Zentner
Bilder: Maserati


