

Sinnloses Lichtspieltheater
Die Strasse ist zur Kampfarena mutiert – pure Aggression, wohin man auch schaut. Sogar Kleinwagen haben mittlerweile ein Frontdesign, das so feindselig wirkt, als wollten sie einem das Sackgeld klauen. Früher lächelten Autos, wenn sie einem entgegenfuhren. Wie der VW Käfer. Oder sie wollten verführen, wie der Lamborghini Miura, dessen Scheinwerfer dem weiblichen Augenaufschlag nachempfunden waren. Heute blicken einem im Strassenverkehr vor allem missmutige Autos entgegen.
Warum? Der Grund, weshalb SUVs besonders hässig in die Welt schauen, ist einfach. Ein hohes Auto mit weicher, freundlicher Front wirkt schnell wie ein Nilpferd mit Zahnschmerzen. Aggression kaschiert Masse. Und bei Kleinwagen scheint es ähnlich zu sein wie bei kleinen Hunden, die aus Unsicherheit jeden grossen Hund anbellen müssen. Ganz nach dem Motto «Wag es ja nicht».
Möglich macht diesen optischen Overkill vor allem die LED-Technologie. Sie erlaubt Designern heute fast alles. Was allerdings nicht heisst, dass man auch alles tun sollte. Seit ein paar Jahren ist etwa der durchgehende Lichtbalken in Mode gekommen – eine Monobraue, die selbst die coolsten Modelle nachts dümmlich aussehen lässt. Diese Lichtsignatur mag die Strasse erhellen, das ästhetische Empfinden tut sie nicht. Nachts sehen inzwischen zehn Autos hintereinander gleich aus. Man erkennt nicht mehr, was kommt – nur noch, dass etwas kommt.
Wohl auch deshalb leuchten inzwischen die Logos. Weniger aus Sicherheitsgründen, sondern weil Marketingabteilungen Panik bekommen, wenn ihre Marke im Dunkeln nicht sofort erkannt wird. Braucht das wirklich jemand?
Was ebenfalls niemand braucht, sind die immer opulenter werdenden Willkommens- und Verabschiedungszeremonien. Nähert man sich dem Auto, startet eine kleine Las-Vegas-Show: blinken, winken, pulsieren. Als wäre das Fahrzeug ein übermotivierter Praktikant, der unbedingt gefallen will. Oder ein Hündchen, das sich wahnsinnig freut, dass Herrchen oder Frauchen wieder zu Hause sind. Lustig am Anfang, aber ziemlich sicher nervig nach zehn Jahren.
Apropos Lichter: Obwohl ich als Autotester ständig mit den neuesten Modellen unterwegs bin, bin ich mir erstaunlich oft unsicher, ob ich den Gegenverkehr blende. Stellt man das Licht auf automatisch, schalten manche Systeme selbst innerorts auf Volllicht. Sensoren wissen heute alles – nur offenbar nicht, wann Schluss ist. Ich hoffe jedes Mal, dass es gut geht.
Gibt es eigentlich Marketingstudien, die belegen, dass Menschen lieber Autos kaufen, die aussehen wie UFC-Fighter auf Steroiden? Falls ja, hat sich der Geschmack fundamental verändert. Der Käfer war jahrzehntelang das erfolgreichste Auto der Welt. Der Miura erzielt heute Rekordergebnisse bei Auktionen. Ziemlich sicher werden die meisten aktuellen Modelle diesen Status nie erreichen. Auch wenn sie noch so hysterisch Hallo blinken.
Jürg Zentner, Redaktor auto-illustrierte

