Range Rover Electric

Der König schweigt

Seit 1970 gehört der Range Rover zum britischen Landadel wie Barbour-Jacke, Gummistiefel und schlecht erzogener Labrador. Jetzt fährt das Original unter den Luxus-SUVs erstmals elektrisch. Und erstaunlicherweise passt das besser, als man denkt.

Veröffentlicht am 06.09.2026

Die G-Klasse rollt elektrisch, Rolls-Royce ebenfalls – selbst Ferrari hat inzwischen die Steckdose entdeckt. Nur der Range Rover, Urvater des luxuriösen Geländewagens, liess sich Zeit. Nicht etwa, weil man in Solihull nicht an diese Antriebsart geglaubt hätte. Aber vielleicht war einfach die Zeit noch nicht reif für ein E-Mobil im Format eines Range Rovers.

Anders als Ferrari gibt es beim Range Rover Electric keine Design-Experimente. Man muss schon ziemlich genau hinschauen, um den Electric im Range Rover zu erkennen. Lediglich Kühlergrill, Räder und Unterboden wurden aerodynamisch optimiert – ansonsten bleibt die ikonische Form weitgehend unangetastet. Kein Elektrofasching. Keine blaue Zierleiste, die «Schaut her, ich rette gerade die Welt!» leuchtet. Die Briten formulieren das selbst ziemlich treffend: «In erster Linie Range Rover, in zweiter Linie Elektrofahrzeug.»

Eigentlich der logischste Range Rover

Ein Elektroantrieb in einem Range Rover scheint ungefähr so passend wie ein Veganer zur Fasanenjagd. Doch eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Denn was könnte aristokratischer sein, als sich vollkommen lautlos, mit 850 Nm und ohne jede erkennbare Anstrengung über sein Anwesen zu bewegen.

Zwei Permanentmagnet-Elektromotoren leisten jeweils 260 kW, zusammen stehen bis zu 405 kW/550 PS zur Verfügung. Von null auf 100 km/h geht es in 4,5 Sekunden. Für den Zwischenspurt von 80 auf 120 km/h reichen 2,7 Sekunden. Früher waren das Sportwagen-Werte. Jetzt bewegen sie ein elektrisches englisches Herrenhaus.

118,5 kWh gegen die Reichweitenangst

Natürlich braucht so ein Koloss einen entsprechenden Energiespeicher. Die nutzbare Batteriekapazität beträgt gewaltige 118,5 kWh. Damit verspricht Range Rover bis zu 600 Kilometer WLTP-Reichweite. Gemäss Range Rover sind bis zu 535 Kilometer unter standardisierten realen Fahrbedingungen möglich. Das klingt für einen elektrischen Zweieinhalb-plus-Tonner schon ziemlich brauchbar.

Noch wichtiger: Wenn der Akku leer wird, muss man nicht gleich einen halben Ferientag an der Ladestation opfern. Die 800-Volt-Architektur ermöglicht bis zu 350 kW Ladeleistung. Unter Idealbedingungen dauert der Sprung von zehn auf 80 Prozent rund 22 Minuten.

Wattiefe statt Wallbox-Posing

Range Rover wäre nicht Range Rover, wenn die Entwickler bloss Autobahn-Reichweite und Ladeleistung optimiert hätten. Nein, ein Range Rover muss vor allem im Gelände überzeugen. So kann der Electric bis zu 900 Millimeter tiefes Wasser durchqueren. Crazy.

Noch beeindruckender ist das Traktionsmanagement. Elektromotoren lassen sich wesentlich präziser regeln als ein klassischer Verbrennungsmotor mit mechanischer Kraftverteilung. Beim Range Rover Electric passt das Integrated Traction Management die Motordrehzahl innerhalb von 50 Millisekunden an. Laut Range Rover geschieht die Regelung damit bis zu 100-mal schneller als bei einem vergleichbaren Verbrenner.

Elektronen können klettern

Denn wo ein Verbrenner erst Drehmoment aufbauen, Gänge sortieren und Kraft verteilen muss, kann der Elektromotor praktisch unmittelbar reagieren. Der neue Single Pedal Mode nutzt genau diesen Vorteil. Damit soll der Electric aus dem Stand Steigungen von bis zu 33 Grad hochfahren können. Rollt er bereits, sollen sogar 45 Grad möglich sein. Mic drop.

Zwei Stockwerke Batterie

Interessant ist, wie viel Entwicklungsarbeit unter der bekannten Hülle steckt. Die Batterie besteht aus 344 prismatischen Zellen und besitzt einen sogenannten Double-Stack-Aufbau. Vereinfacht gesagt werden die Zellen besonders kompakt angeordnet, damit sich die enorme Kapazität überhaupt sinnvoll unterbringen lässt. Dazu kommt ThermAssist. Das Wärmemanagement soll den Energiebedarf fürs Heizen um bis zu 40 Prozent reduzieren und unter bestimmten Bedingungen bis zu 40 Kilometer zusätzliche Reichweite ermöglichen.

Mehr als 300 Patentanmeldungen wurden rund um den Range Rover Electric eingereicht. Damit dürfte er zum meistpatentierten Range Rover der Geschichte werden.

Und die Briten haben das Ding offensichtlich nicht nur auf dem Parkplatz in Solihull getestet. Mehr als 1,5 Millionen Testkilometer kamen zusammen – von minus 40 Grad im schwedischen Arjeplog bis zur Wüstenhitze Dubais. Dazu über 250 000 Stunden virtuelle und reale Tests.

Ab 159 600 Franken

Billig wird die neue Ruhe natürlich nicht. In der Schweiz startet der Range Rover bei 159 600 Franken. Der Range Rover Electric wird mit kurzem und langem Radstand sowie in den Ausstattungslinien SE, HSE und Autobiography bis hin zu SV, SV Ultra und SV Black angeboten. Dazu kommt eine First Edition.

Der König hat seinen V8 verloren. Kein Vibrieren mehr. Kein Schalten nötig. Kein Motorengeräusch. Dafür gewinnt er durch den Elektroantrieb 850 Nm, den wohl präzisesten Allradantrieb seiner Geschichte und die Fähigkeit, durch 90 Zentimeter tiefes Wasser zu fahren. Und der König schweigt.

Bilder: Range Rover

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