

Jo Siffert – Zu schnell fürs Leben
Jo Siffert fuhr 96 Formel-1-Rennen – meistens in unterlegenen Autos. Trotzdem gewann er zwei Grand Prix in der Königsklasse. Nebenbei verhalf er Porsche zu den ersten Langstrecken-Weltmeistertiteln. Der Fribourger lebte, kämpfte, siegte und starb wie ein Held. Morgen wäre «Seppi» 90 Jahre alt geworden.
50 000 Menschen säumen die Strassen von Freiburg. Niemand jubelt. Niemand applaudiert. Langsam rollt ein Porsche 917K vorbei – mit schwarzer Trauerschärpe. Dahinter der Sarg von Jo Siffert. Die ganze Schweiz trauert um ihren «Seppi» – die Beerdigung wird live im Fernsehen übertragen.

Nur wenige Tage zuvor kämpfte Jo Siffert noch gegen die besten Rennfahrer der Welt. Jetzt trauert eine ganze Nation um einen Mann, der nur 35 Jahre alt werden durfte. Um einen Jungen, der für seinen Lebenstraum in die Welt hinauszog und als Legende zurückkehrte.

Joseph Siffert wurde am 7. Juli 1936 als Sohn eines Milchhändlers in Freiburg geboren. Geld war Mangelware. Luxus ein Fremdwort. Mit elf Jahren nahm ihn sein Vater an den Grossen Preis der Schweiz auf der legendären Bremgarten-Rennstrecke mit. Zwischen dem Geruch von Benzin, Öl und verbranntem Gummi fiel die wichtigste Entscheidung seines Lebens. Er wollte Rennfahrer werden.
Steiniger Weg
Der Weg dorthin war steinig. «Seppi», wie ihn alle nannten, arbeitete hart für jeden Franken. Er sammelte Altmetall und absolvierte eine Lehre als Carrosseriespengler. Was ihm an Finanzen fehlte, ersetzte er mit Ehrgeiz.

Zunächst fuhr Siffert Motorradrennen und wurde 1959 Schweizer Meister. Danach wechselte er ins Automobil. Sein erster Formel-Junior-Rennwagen war gebraucht, das Budget chronisch zu klein. Während andere Werksfahrer schon Mechaniker, Lastwagen und Ingenieure hatten, machte Siffert fast alles selbst. Er war Fahrer, Mechaniker, Teamchef und Sponsorensucher zugleich. Nach einem Rennen lag er oft bis tief in die Nacht unter seinem Auto und schraubte, damit er am nächsten Wochenende überhaupt wieder starten konnte.
Draufgänger und Chrampfer
Genau das machte ihn beim Schweizer Volk so beliebt. Jo Siffert kam von ganz unten und kämpfte sich bis ganz nach oben. Er war Draufgänger und Chrampfer zugleich, furchtlos auf der Rennstrecke und charmant daneben. Jo Siffert stand für alles, was den Motorsport einst cool machte.

Während andere Fahrer auf einen lukrativen Werksvertrag warteten, fuhr Siffert praktisch alles, was vier Räder hatte. Formel 1, Sportwagen, Bergrennen, Can-Am oder Interserie – Hauptsache Rennen. Oft sass er an weit über vierzig Rennwochenenden pro Jahr im Cockpit. Reich wurde Jo Siffert nie – dafür unsterblich.

1962 debütierte er in der Formel 1. Die Konkurrenz verfügte meist über bessere Autos. Trotzdem gewann Siffert 1968 sensationell den Grand Prix von Grossbritannien in Brands Hatch. Drei Jahre später folgte der Sieg beim Grossen Preis von Österreich. Insgesamt bestritt er 96 Formel-1-Rennen und holte zwei Grand-Prix-Siege – in einer Epoche, in der jede Startaufstellung einem Himmelfahrtskommando glich.
Legendäre Porsche Triumphe

Seine grössten Erfolge feierte Siffert jedoch mit Porsche. Gemeinsam mit Pedro Rodríguez bildete er eines der erfolgreichsten Fahrerduos der damaligen Sportwagen-Weltmeisterschaft. Zwischen 1969 und 1971 war Jo Siffert massgeblich daran beteiligt, dass Porsche erstmals die Langstrecken-Weltmeisterschaft dominierte. Siege in Sebring, Spa, Monza, Zeltweg und auf dem Österreichring machten ihn zu einem der wichtigsten Porsche-Werksfahrer überhaupt. Hinzu kamen zwei Klassensiege bei den 24 Stunden von Le Mans.

Was viele nicht wissen: Unter der Woche verkaufte Jo Siffert in Freiburg Porsche-Sportwagen. Am Wochenende gewann er mit einem Porsche 917 internationale Rennen. Wer könnte einen Porsche glaubwürdiger verkaufen als einer, der damit gerade Ferrari geschlagen hatte?
Steve McQueen’s Vorbild
Untrennbar verbunden bleibt sein Name mit dem legendären Porsche 917 in den blau-orangen Gulf-Farben. Als Steve McQueen den Kultfilm Le Mans drehte, wurde Jo Siffert zu seinem wichtigsten Berater und zu einem der Vorbilder für McQueens Rennfahrerrolle. McQueen wollte ursprünglich selbst Rennen fahren, doch die Versicherungen verboten es. Also sprang Siffert ein und fuhr zahlreiche Rennszenen selbst. Mehr noch: Er zeigte dem «King of Cool», wie sich ein echter Rennfahrer bewegt. Wenn Steve McQueen später lässig durchs Fahrerlager schlenderte, steckte darin immer auch ein bisschen Jo Siffert.

Trotz seines Ruhms blieb der Freiburger bodenständig. Nach den Rennen blieb er oft bei den Fans, schrieb geduldig Autogramme, erzählte Geschichten und nahm sich Zeit für jeden. Weltstar auf der Rennstrecke, Nachbar daneben.
Rennen um Leben und Tod
Doch diese Zeit war gnadenlos für Rennfahrer. Kaum eine Saison verging ohne tödliche Unfälle. Auch Jo Siffert wusste, dass jeder Start sein letzter sein konnte. Trotzdem stieg er immer wieder ins Cockpit. Nicht weil er lebensmüde war. Sondern weil Rennfahren sein Leben war.

Am 24. Oktober 1971 endete dieses Leben beim Victory Race in Brands Hatch. Nach einem Unfall geriet sein BRM in Brand. Jo Siffert starb noch an der Rennstrecke. Die Schweiz verlor ihren grössten Rennfahrer.
Grösste Trauerfeier des Landes
50 000 Menschen säumten die Strassen von Freiburg. Eine der grössten Trauerfeiern, die das Land je erlebt hatte. Den Trauerzug führte sein Porsche 917K mit schwarzer Schärpe an. Ausgerechnet jenes Auto, mit dem Jo Siffert Motorsportgeschichte geschrieben hatte.

Jahrzehnte später wurde genau dieser Porsche für über 14 Millionen Dollar versteigert und war damals der teuerste Porsche der Welt. Nicht wegen des Blechs. Sondern wegen der Geschichte, die an ihm haftete.
Vielleicht ist das gar nicht Jo Sifferts grösstes Vermächtnis. Sondern etwas viel Grösseres. Dass man in der Schweiz bis heute nur seinen Vornamen sagen muss. «Seppi.» Und jeder Motorsportfan weiss sofort, wer gemeint ist. Das schaffen keine Weltmeister. Das schaffen nur Legenden.
Ausstellung 90–55–45
Wer noch tiefer in Jo Sifferts Welt eintauchen möchte, sollte die Gedenkausstellung «90–55–45» besuchen. Sie erinnert an 90 Jahre seit der Geburt von Jo Siffert, 55 Jahre seit seinem Tod sowie 45 Jahre seit dem Tod seines Weggefährten Herbert Müller. In der Murtenbox in Murten sind historische Rennwagen, Originaltrophäen, persönliche Erinnerungsstücke, Filme und Dokumente aus der goldenen Ära des Schweizer Motorsports zu sehen – darunter Porsche 917K, Porsche 908, Ferrari 512, Ford GT40 und Lola T70. Die Ausstellung dauert noch bis 31. Oktober 2026 und ist jeweils freitags von 14 bis 19 Uhr sowie samstags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.
Bilder: Porsche / Collage

